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09-01-14 21:17 Alter: 4 yrs
Gedanken über die Femen-Bewegung
Kategorie: Interessant, Wichtig! Wichtig!

Ein kleiner Beitrag zur Debatte von Ruth Birkle

Wieder eimal sorgen Frauen für Furore, mit entblößtem Oberkörper tauchen sie an Stellen auf, wo sie garantiert medienwirksam wahrgenommen werden.

Die neue junge aktivistische Frauenbewegung Femen schafft es mit radikalverbalem Manifest und happeningförmigen Aktionen, Gruppen gegen sich aufzubringen und sich Aufmerksamkeit zu verschaffen. Die Aktionen gehen manchmal weit über Ertragbares: ZB bei Vergleichen der Ausbeutung durch Prostitution mit den nationalsozialistischen Lagern (25.1.13, Hamburg, Arbeit macht frei) und beim Spiel mit dem Hakenkreuz im Netz. femen.org/en/gallery

 

Die neueste Aktion galt einer Weihnachtsmesse im Kölner Dom und dem 80zig-jährigen Kardinal Meisner, der gelassen reagierte und die junge Frau ins Gebet einschloss. Was sollen wir damit?

 

Aktionen und Webseiten, Facebook und Manifest der Femen-Bewegung.

Das Manifest der Femen nennt ihre Ideologie: Sextremismus (eine neue Form weiblichen Protests, eine allmächtige, überlegene, demoralisierende Waffe der Frau zur Zerstörung der patriarchalen Kultur, mehr auf der HP im Manifest), Atheismus und Feminismus. Ziel ist die Zerstörung des Patriarchats zusammen mit seinen Einrichtungen Diktatur, Sex-Industrie und Kirche durch einen auf die Spitze getriebenen Konflikt und durch subversive Aktionen. Außerdem das Schaffen einer einflussreichen kämpferischen und weltweiten Frauenvereinigung bzw. FrauenUnion. femen.org/en

Bei jeder Aktion zeigen sie ihre Brüste: Ein beliebtes Bild jeder Sexzeitschrift, eine Referenz an den männlichen Blick? Egal ob es um die Geschlechterverhältnisse in der Kirche oder ums Patriarchat, um Unterdrückung von Menschenrechten oder um Kritik an Prostitution oder Körpernormen geht: Hauptsache junge, den Schönheitsidealen entsprechende Frauenbrüste? Ja, so schreiben sie auf ihrer Homepage: Die Brüste sind unsere Waffen! Es lebe das Matriarchat, die Homepage zeigt halbnackte junge Frauen mit erhobener Faust vor von der Sonne erleuchteten Gewitterwolken: Our God is a woman, our mission is protest, our weapons are our breasts! Es lebe der Dreiklang. https://www.facebook.com/FEMENde

 

Frauengeschichte

Einmal könnte uns das anregen, an die Geschichte der inzwischen alten Neuen Frauenbewegung re zu erinnern.

Auch Ende der 1960er -Jahre trat eine Neue Frauenbewegung mit medienwirksamen Aktionen an: Es flog eine Tomate und die Wellen schlugen hoch. In den 1970er -Jahre provozierte die hohe Frauenquote der RAF die Gemüter. Dazu kam eine Neuauflage der Abtreibungsdebatte: Die Aktion "Ich habe abgetrieben" sorgte für hitzige Debatten und zahlreiche Demonstrationen: Mein Bauch gehört mir! Sitins und Weiberräte, Frauencafes, Frauenbuchläden, Frauenhäuser, Tribunale bis zur Prämierung eines Schafs als Schönheitskönigin schockten in den 1970er -Jahren ebenso wie langhaarige Männer, die Babys herumschleppten und wie neu auferstandene Jesusfiguren aussahen ("Neue Männer braucht das Land"). Die Geschlechterzuschreibungen sollten überwunden werden: Frei sollte der Mensch sein, sich seine Rolle selbstbestimmt wählen können. Im Patriarchat, das war klar, würde das nicht gelingen, dort ging es allen schlecht. Bevor es gefährlich werden konnte, sorgte die Institutionalisierung der 1980er - Jahre inclusive europarechtlicher Regelungen wie Gender-Mainstreaming in den 1990er-Jahren für eine Beruhigung. Neue queer-feministische Ansätze behaupten inzwischen, das Geschlecht sei sowieso frei wählbar, nichts als eine lächerliche Konstruktion und die inzwischen alte Frauenbewegung überflüssig.

Veranstaltungen wie der Frauentag oder Kommunalpolitik für Frauen sind für jüngere Frauen uninteressant; sie werden mit diesen Themen nicht mehr erreicht. Hier fragen wir uns immer wieder: Ist alles schief gelaufen? Längst ist eine Gleichstellung bei miesen Löhnen erreicht, in der Politik ist die Frauenquote auf einem neuen Tiefststand, so viele Frauen wie noch nie sind wenig selbstbestimmt in Lohnarbeit und Stress. Eine Angleichung der Lebensumstände, wie sie wohl kaum erträumt war, weit entfernt von Freiheit und Glück.

 

Und hier? Junge Frauen blasen wieder zum Angriff auf das Patriarchat!

 

Frau und Kirche

Dieses Mal bei der Weihnachtsmesse im Kölner Dom. Frauen und Kirche! Stimmt, das Frauenbild der christlichen Kirchen wäre auch wirklich einer Kritik wert, die feminstische Theologie hat hier schon einiges geleistet. Viele Debatten drehten sich um die Figur der Maria Magdalena (war sie Geliebte oder Ehefrau von Jesus und die Jüngerin, die die Auferstehung verkündete?) und um die Kirchengeschichte, in der Frauen aus dem Gedächtnis verbannt wurden oder ihre Namen in Männernamen verwandelt und Maria zur Jungfrau erklärt.

Aus der Jüngerin Maria Magdalena wurde eine klagende Sünderin, Büßerin oder Hure, ein Sexobjekt, ein Bild für den lüsternen Blick, wenn sie in der Kunst so wunderschön nackt auftrat oder in der Grotte lag. Aus der stillenden Maria, Mutter und Ernährerin des Gottessohnes, folgte die Reduzierung der Frau auf reine und gottgefällige Mütterlichkeit - letzteres brachte dank des Dogmas der Jungfräulichkeit alle verheirateten Frauen mit mehr als Ehe und Kinderwunsch in die Situation der Sünderin und Hure. Dabei hätten eigentlich schon diese beiden Gestalten genug zu bieten, um die Gleichberechtigung der Frau auch in der Kirche zu begründen, so zeigten es feminstische Theologinnen, die der Kardinal in seiner Jugend sicher ebenfalls kannte. Wahrscheinlich führt diese Debatte aber schon zu weit: Es ist ja öffentlich sichtbar, dass die Kirchen von Männern dominiert werden, also irgendeine patriarchale Form dahintersteckt, die Kritik verdient. Und gegen das Patriarchat treten die Femen-Frauen vehement an. Also hier richtet sich die Kritik gegen Patriarchat und Kirche ... oder gegen das Patriarchat in der Kirche? .... oder das Patriarchat durch kirchliche Strukturen? Herrschaftsstrukturen? Egal: Der alte Kardinal schloss einfach die Frau ins Gebet mit ein und schwieg. Sicher weiß er, dass das Entblößen nicht nur ein Zeichen der Buße, sondern auch der Vergebung durch die Taufe ist. Schade! Zu sagen gäbe es so viel! Die feministischen Theologinnen schweigen.....

 

Mit der Waffe der Frau?

Zurück zu den Aktionen: Kampf für die Freiheit der Frau mit der Waffe nackter Busen. Es geht bei Femen gegen Diktaturen, Sexindustrie und alles, was Frauen unterdrückt, bei weitem nicht nur um religiöse Herrschaftsverhältnisse.

Der nackte Frauenbusen erregt an sich allerdings keine Aufmerksamkeit mehr, tatsächlich sind es die jungen, aggressiv auftretenden Frauen, die sich an Orte drängeln, an denen sie nicht erwartet werden. Spannung erzeugt die unbewaffnete Nacktheit und die Aggression: Die Brust als Waffe und lautes Auftreten mit Parolen auf dem Körper. Welche Assoziationen transportiert das?

Ob sie es wollen oder nicht: Nackte junge Frauenbrüste sind ja zuerst einmal ein netter Blickfang, egal ob für Autowerbung, Play-Boy, Bild oder Gemälde, weit mehr Lustobjekt als Ärgernis und Waffe zur Verwertung und Unterwerfung, statt Zeichen gegen Männerherrschaft.

 

Göttin der Freiheit?

Auf einem Gemälde von Delacroix führt die personifizierte Freiheit das Volk barbusig in die Freiheit, es wäre auch kaum vorstellbar mit Korsett oder anderen Schnürungsklamotten der Vorfahrinnen (Eugène Delacroix: Die Freiheit führt das Volk, Gemälde, 1830). Fast wie die Freiheitsgöttin Libertas, die auch bevorzugt mit nacktem Busen auftritt: Göttinnen also? >neu jetzt auch auf femen.de! :-)

 

...oder Matriarchat?

Laut Homepage-Texten und der eigeninszenierten Fotografien steht bei Femen die Entblößung für die Befreiung und die Frau als Überwinderin der bösen Welt im Matriarchat. Ein radikaler elitärer Differenzfeminismus als globale Befreiungsbewegung? Kämpferische Amazonen auf dem Weg zur Überwindung des Patriarchats im Matriarchat ....

Die Bilder im Fernsehen sind nicht ganz so hübsch - nicht im Glanz der wärmenden Sonne wie auf der Homepage strahlt die entschlossene Kämpferin im Dom -am Ende wird sie eher wie eine klagende mittelalterliche Sünderin abgeschleppt - was folgerichtig die Veranstaltung zwar kurz stört, aber zu keiner weiteren Provokation reicht. Die laut eigenem Anspruch kämpferische Amazone reißt keine staunenden Gläubigen vom Hocker. Wer friert schon freiwillig? Blöderweise greifen auch immer sofort Männer ein, um die Frauen schnell davon zu zerren und dank kräftiger Gegenwehr wird es im Dom ein fürchterliches Gekämpfe - verflixt, warum können sie nicht wenigstens ein bisschen Karate? :-) Doch das ist ihr Kalkül: Das Patriarchat soll sein wahres Gesicht zeigen.

 

Welche Bilder bleiben?

Richtig: So schaffen die Femen-Frauen es immerhin in die Medien: Doch welche Bilder bleiben? Zuerst nackt junge und hübsche Frauenkörper und dann Kritik an: Putin, Diktaturen, Männerherrschaft, Prostitution, Nazis, Religion, Kirche. Viele schnelle Aktionen, nackt, direkt und laut, ohne Waffen, aber mit der Waffe der Frau, wenig Begründung und Text: falsche Bilder? Ein bisschen beliebig, immer spezifisch weiblich, ein Jugendkult des nackten Frauenkörpers, exclusiv per Natur und gefährlich, wirksame Provokation oder nur kitschiger Witz?

 

Ausgetauschte Herrschaftsverhältnisse

Sie haben auf jeden Fall bei einigen Aktionen durch kurze Störung des reibungslosen Ablaufs auf Konflikte hingewiesen. Vielleicht regen sie dazu an, über die Stellung der Frau in vorhandenen Herrschaftssystemen nachzudenken, doch sie müssen darauf achten, dass nicht das Gegenteil daraus wird: Das Sexobjekt wehrt sich als Sexobjekt gegen alles und macht sich selbst dazu.... nett und was dann? Typisch Frau?! Und was soll das Ergebnis sein? Wer ein Matriarchat will, muss schon noch erklären, was an dieser Welt besser oder anders sein soll - ausgetauschte Herrschaftsverhältnisse sind weit entfernt von Freiheit! Und welche Freiheit? Die Göttin der Freiheit war einerseits in ihre Götterverhältnisse eingebunden, andererseits befreit von menschlichen Qualen ...... da lässt es sich gut barfüßig und barbusig über Schlachtfelder rennen! :-) Was für ein wunderschönes Vorbild!

 

Und was nun?

Es wird sich zeigen, ob mehr daraus wird. Wir können diskutieren ... übrigens: In ihrem Webshop verkaufen sie T-Shirts! Der erste Schritt zum Gespräch auf Augenhöhe .... :-) femenshop.miiduu.com/funny-femen

 

Ruth Birkle, Januar 2014

 

 

Ruth Birkle ist Pressesprecherin beim Ortsverband Bruchsal Bündnis 90/Die Grünen.

 

Dateien:
Femen.pdf
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